Haben wir uns verstanden?
Manchmal verstehe ich andere nicht: wenn Menschen in einer mir unbekannten Sprache reden, wenn Fachleute in Fachgesprächen Fachbegriffen um sich schmeißen. Eltern und Kinder verstehen sich nicht. Ehepartner reden aneinander vorbei.
Wie eine babylonische Sprachverwirrung. Auch wenn Gesprächspartner dieselbe Sprache sprechen, heißt das nicht automatisch, dass sie sich verstehen müssten.
Vom Gegenteil erzählt die Pfingstgeschichte in unserer Bibel (Apostelgeschichte Kapitel 2).
Über die Jünger Jesu, die gerade noch mutlos waren, kommt eine große Kraft, wie ein Sturmwind. Bewegt vom Heiligen Geist deuten die Jünger Jesu Leben und Botschaft. Und das Wunder geschieht: Jeder kann sie in seiner eigenen Sprache verstehen. Viele lassen sich taufen: Die Kirche ist geboren.
Pfingsten lädt ein, darüber nachzudenken, welche Sprache wir sprechen als Kirche und auch als einzelne Zeitgenossen, ob wir verstanden werden wollen, oder nur so tun. Sprechen wir die Sprache der Angst, die Sprache der Macht, die Sprache der Drohung und Erpressung, die Sprache der Hoffnung, die Sprache der Liebe?
Der Pfingstgeist hilft den Jünger neu und verständlich von der Hoffnung und vom Sieg des Lebens zu reden.
Der Geist, der sich unter ihnen breit macht, ist ein Geist, der Menschen verbindet und nicht trennt, der befreit und nicht einengt, ein Geist, der die Augen öffnet für Unrecht und den Mund auftun hilft für die Wahrheit. Ein Geist, der aus dem Tod ins Leben ruft.
Das sahen damals nicht alle so. „Die sind doch besoffen!“, spotteten Kritiker über den aufgekratzten Enthusiasmus der kleinen und in der Apostelgeschichte als multikulturell beschriebenen ersten Christengemeinde.
„Wir sind nüchterner als ihr es euch vorstellen könnt.“, hält der Apostel Petrus diesen Spöttern entgegen. „Gottes Geist lässt klarer sehen.“
„O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.“, beginnt ein altes Pfingstlied und trifft damit den Kern.
Egal ob in der Kirche oder im zivilen Leben, in der Politik, in der Arbeitswelt oder auch in der Familie - Menschen hauen andere viel zu oft die Pfanne, führen sie aus unterschiedlichen Motiven hinters Licht. Agieren zu ihrem persönlichen materiellen oder sozialen Vorteil, und verschleiern das oft mit blendender Rhetorik.
Pfingsten sollte als Fest der Erhellung der Lebensverhältnisse und der Klärung der menschlichen Beziehungen eine viele größere Bedeutung haben in den Köpfen und Herzen.
„O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein“, damit unser Miteinander gelingen kann, weil wir uns neu verstehen.
Pfarrer Michael Murner
