Karfreitag ist für Christen und Christinnen weltweit einer der wichtigsten Feiertage überhaupt. Aber der Karfreitag ist für viele auch ein schwieriger Feiertag. Es ist kein fröhliches Fest, im Gegenteil: Der Karfreitag ist ein stiller Tag, ein trauriger Tag. Der Todestag von Jesus Christus.
Gottes Sohn ist tot! Das ist unbegreiflich. Wie jeder Tod. - Nein, mehr noch als jeder andere Todesfall.
Warum lässt Gott das zu? Warum lässt Gott überhaupt das Leid zu? Wo ist Gott im Leid?
Der Karfreitag und das Kreuz führen es uns immer wieder neu vor Augen: Gott leidet selbst! Damit befindet er sich mitten unter den Leidenden, ist jedem Menschen in dessen Leid ganz nah. Denn Gott sieht unser Leid nicht nur, sondern er teilt es.
Jesus hatte ja Kranke geheilt, ist auf Außenseiter zugegangen und sagt, dass wir ihm in den gering-geachteten Schwestern und Brüdern begegnen. Er identifiziert sich also mit ihnen:
- Mit Menschen, die hungern, die vor dem wirtschaftlichen Ruin stehen oder materielle Not leiden.
- Mit Menschen, die kein Obdach haben, die auf der Straße leben müssen, die geflüchtet sind vor Krieg, Terror, Verfolgung oder Naturkatastrophen.
- Mit Menschen, die im Gefängnis sitzen, weil sie Unrecht getan haben und ihre Strafe verbüßen, oder weil sie den Machthabern gefährlich erscheinen und mundtot gemacht werden sollen.
- Mit denen, die gefoltert, geschunden, missbraucht oder unterdrückt werden.
- Mit Menschen, die unter Einsamkeit und Ängsten, Schuld, Schmerzen und Krankheiten leiden, oder um Verstorbene trauern.
- Mit Menschen, die sich von Gott verlassen fühlen.
Ihnen allen ist Jesus Christus zutiefst verbunden. Und er macht deutlich: Die Not der Menschen, das Unglück, das sie trifft, und das Unrecht, das Menschen Menschen antun, das sind Verhältnisse, an denen auch Gott leidet.
Gott leidet mit uns Menschen. Und er leidet an uns Menschen. Aber er fällt uns nicht in den Arm, wenn wir Böses tun. Doch er hat uns Verstand gegeben und das Wissen darum, was gut und böse ist. Er hat uns die Fähigkeit zu Mitgefühl und Fürsorge geschenkt und beauftragt, Verantwortung in dieser Welt zu übernehmen.
Gott lässt uns Menschen in und mit unserem Leid also nicht allein. Er greift ein, handelt. Er geht zu allen Menschen in ihrer Not. Darum ist er in Jesus Christus in die Welt gekommen.
Jesus hat uns vorgelebt, wie unser Leben und Zusammenleben gelingen kann – was nicht bedeutet, dass wir von Leid und Not verschont bleiben. Aber wer auf Gott vertraut, der erkennt im Kreuz auch einen großen Trost, denn er sieht, er muss das Schwere nicht allein tragen, sondern darf Gott an seiner Seite wissen.
Pfarrerin Barbara Thie
